Stoische Affirmationen
Stoische Affirmationen für Stärke und Resilienz, in den Worten der Stoiker
Die Stoiker haben keine Affirmationen über Stärke geschrieben, wohl aber beschrieben, worin sie besteht: Für Marc Aurel verwandelt der Geist jedes Hindernis in eine Hilfe und steht wie ein Vorgebirge, an dem sich die Wellen brechen. Seneca fügt hinzu, dass Stärke durch Gebrauch entsteht wie beim Körper und dass Schmerz gering ist, wenn die Meinung nichts hinzufügt.
In den Texten
Marc Aurel · Meditations, V, 20
Now it is true that these may impede my action, but they are no impediments to my affects and disposition, which have the power of acting conditionally and changing: for the mind converts and changes every hindrance to its activity into an aid; and so that which is a hindrance is made a furtherance to an act; and that which is an obstacle on the road helps us on this road.
Marc Aurel · Meditations, IV, 49
Be like the promontory against which the waves continually break, but it stands firm and tames the fury of the water around it.
Seneca · On Providence, IV
The strongest part of the body is that which is exercised by the most frequent use: we must entrust ourselves to fortune to be hardened by her against herself: by degrees she will make us a match for herself.
Seneca · Letter 78, §13
Pain is slight if opinion has added nothing to it; but if, on the other hand, you begin to encourage yourself and say, “It is nothing,—a trifling matter at most; keep a stout heart and it will soon cease”; then in thinking it slight, you will make it slight.
Kapitel 20 des fünften Buches der Selbstbetrachtungen geht von den Menschen aus, die Marc Aurel bei seinem eigentlichen Tun im Weg stehen; insofern sie das tun, zählt er sie zu den gleichgültigen Dingen (Adiaphora). Sie können sein Handeln behindern, schreibt er, nicht aber seine Haltung, die unter Vorbehalt handelt: Der Geist verwandelt jedes Hindernis in eine Hilfe, und was auf dem Weg im Weg steht, hilft auf diesem Weg voran. Dieser Vorbehalt ist die stoische Vorbehaltsklausel: Eine Handlung, die unter der Bedingung unternommen wird, dass etwas dazwischenkommen kann, scheitert nicht, wenn es dazwischenkommt (Meditations, V, 20).
Buch IV, Kapitel 49, liefert das Bild: das Vorgebirge, an dem sich die Wellen unablässig brechen, das standhält und die Wut des Wassers um sich bändigt. Das Kapitel korrigiert dann eine Redeweise, nicht „Ich bin unglücklich, weil mir das zugestoßen ist“, sondern glücklich, weil ich trotzdem frei von Schmerz bleibe, und endet mit dem Grundsatz, dass es ein Glück ist, etwas edel zu ertragen (Meditations, IV, 49).
Senecas Dialog Über die Vorsehung, in der englischen Übersetzung von Aubrey Stewart (1889), vertritt die These, dass gute Menschen geprüft werden, weil sie es wert sind. In Kapitel IV nimmt er den Körper als Beispiel: Der stärkste Teil ist der am häufigsten geübte, und das Schicksal härtet den Menschen durch wiederholte Schläge gegen sich selbst ab. Widerstandskraft ist hier das Ergebnis von Belastung, keine Eigenschaft, die man verkündet (Über die Vorsehung).
Brief 78 an Lucilius, an einen Freund mit langer Krankheit gerichtet, kommt einer Affirmation am nächsten. Schmerz ist gering, sagt Seneca, wenn die Meinung nichts hinzufügt, und wer sich sagt, er solle standhaft bleiben, es werde bald aufhören, macht ihn gering, indem er ihn für gering hält. Der Satz folgt auf eine Untersuchung des Schmerzes, der entweder erträglich oder kurz ist, und geht der Regel voraus, dass alles von der Meinung abhängt. Die innere Burg der späteren Stoiker ruht auf derselben Regel (Innere Zitadelle, Letter 78).
Warum das keine positive Affirmation ist
Brief 78 zeigt den Unterschied genau. Seneca empfiehlt durchaus, sich zu sagen, ein Schmerz sei gering, aber erst nachdem er gezeigt hat, dass er es ist: Schmerz ist entweder erträglich oder kurz, und schwer machen ihn Klage und Meinung. Der Satz berichtigt ein falsches Urteil; er behauptet keine Stärke, die der Sprechende noch nicht hat.
Eine Affirmation der Stärke beschreibt meist das eigene Ich: „Ich bin stark.“ Die stoischen Passagen beschreiben ein Verhältnis zu Hindernissen: Das Hemmnis wird zum Stoff des Handelns, die Welle bricht am Felsen, der Schlag übt den Körper. Stärke zeigt sich darin, was man mit dem Hindernis macht, und kein im Voraus wiederholter Satz kann sie liefern.
Begriffe im Glossar
- Vorbehaltsklausel — ὑπεξαίρεσις, μεθ’ ὑπεξαιρέσεως (hypexairesis, meth’ hypexaireseōs)
- Adiaphora — ἀδιάφορα (adiaphora)
- Innere Zitadelle — ἀκρόπολις (akropolis)
In Stoïque öffnet das Lebensthema „Furcht“ die Passagen zu diesem Gegenstand, jede mit ihrer Quellenangabe. Das Thema gehört zu Stoic+.