Glossar
Vorbehaltsklausel
ὑπεξαίρεσις, μεθ’ ὑπεξαιρέσεως (hypexairesis, meth’ hypexaireseōs)
Die Vorbehaltsklausel ist ein moderner Name für das, was die Stoiker Handeln unter Vorbehalt nannten, meth’ hypexaireseōs: ein Antrieb auf einen Gegenstand hin, der von Anfang an die Bedingung enthält, dass nichts ihn hindert. Die Wendung „Vorbehaltsklausel“ steht in keinem antiken Text und in keiner der hier zitierten Ausgaben; sie stammt, als Übertragung des englischen reserve clause, aus dem jüngeren Kommentar zur Stoa. George Longs Glossar zu seinen Meditations von 1862 gibt das Griechische schlicht wieder: hypexairesis, „Ausnahme, Vorbehalt“, und meth’ hypexaireseōs, „bedingt“.
Marc Aurel gebraucht ihn für eine gehinderte Handlung. In VI, 50, wenn sich jemand mit Gewalt in den Weg stellt: „Erinnere dich, dass dein Versuch unter einem Vorbehalt [bedingt] geschah, dass du nicht Unmögliches tun wolltest.“ Gewollt war die Anstrengung selbst, also ist das Ziel erreicht, auch wenn der Erfolg ausbleibt. VIII, 41 gibt die Umkehrung: Wurde die Anstrengung „unbedingt [ohne jeden Vorbehalt]“ unternommen, so ist das Hindernis für ein vernünftiges Wesen ein Übel. In Meditations, V, 20 hat der Geist „die Kraft, bedingt zu handeln und sich umzustellen“, und macht das Hindernis zum Stoff einer anderen Handlung.
Die Quelle ist Epiktet. Carters Handbüchlein von 1758 schließt Kapitel II mit: „Gebrauche nur [die nötigen Akte] des Strebens und Meidens, und auch diese leicht, mit Sanftheit und mit Vorbehalt.“ Marc Aurel berichtet dieselbe Regel in XI, 37, wo Long das Griechische mit Antrieben wiedergibt, die „mit Rücksicht auf die Umstände“ geschehen, und wo sie mit der Aufmerksamkeit, der Prosoche, verbunden ist. Der Vorbehalt betrifft den Ausgang, der nach der Dichotomie der Kontrolle zu den Dingen gehört, die nicht in unserer Macht stehen, nicht den Wert der Handlung oder die Mühe, die man darauf verwendet.
In den Texten
Marc Aurel · Meditations, VI, 50
If however any man by using force stands in thy way, betake thyself to contentment and tranquillity, and at the same time employ the hindrance towards the exercise of some other virtue; and remember that thy attempt was with a reservation [conditionally], that thou didst not desire to do impossibilities.
Marc Aurel · Meditations, VIII, 41
Has any obstacle opposed thee in thy efforts towards an object? If indeed thou wast making this effort absolutely [unconditionally, or without any reservation], certainly this obstacle is an evil to thee considered as a rational animal.
Marc Aurel · Meditations, XI, 37
Epictetus also said, a man must discover an art [or rules] with respect to giving his assent; and in respect to his movements he must be careful that they be made with regard to circumstances, that they be consistent with social interests, that they have regard to the value of the object; and as to sensual desire, he should altogether keep away from it; and as to avoidance [aversion], he should not show it with respect to any of the things which are not in our power.
Was der Begriff nicht meint
- Sie ist keine Formel, die man ausspricht. Bei Marc Aurel und Epiktet ist der Vorbehalt eine Verfassung des Antriebs; keiner der beiden Texte gibt Worte zum Aufsagen vor.
- Sie ist keine Art, niedriger zu zielen. VI, 50 verlangt zu handeln „sogar gegen ihren Willen, wenn die Grundsätze der Gerechtigkeit dahin führen“; die Bedingung betrifft den Erfolg, nicht die Hingabe.
- Der Ausdruck ist modern. Long schreibt „reservation“ und „conditionally“, in XI, 37 „with regard to circumstances“; weder Marc Aurel noch Epiktet sprechen von einer Klausel.
Verwandte Begriffe
- Prosoche — προσοχή (prosochē)
- Dichotomie der Kontrolle — τὰ ἐφ’ ἡμῖν / τὰ οὐκ ἐφ’ ἡμῖν (ta eph’ hēmin, ta ouk eph’ hēmin)
- Amor fati — amor fati (latin)
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