Glossar
Prosoche
προσοχή (prosochē)
Prosoche ist das griechische prosochē, Aufmerksamkeit, und bei Epiktet bezeichnet es eine ununterbrochene Wachsamkeit über die eigenen Urteile und Antriebe. Unterredungen IV, 12 ist ihr gewidmet; George Longs Übersetzung von 1877 überschreibt es „Über die Aufmerksamkeit“ und beginnt: „Wenn du deine Aufmerksamkeit für kurze Zeit hast nachlassen lassen, so bilde dir nicht ein, du werdest sie wiedergewinnen, wann du willst.“ Ein Nachlassen erzeugt „eine Gewohnheit, nicht aufzumerken“, dann „eine Gewohnheit, die Aufmerksamkeit aufzuschieben“, und keine Tätigkeit ist ausgenommen: „Heute will ich spielen. Nun denn, solltest du nicht mit Aufmerksamkeit spielen?“
Der Gegenstand dieser Aufmerksamkeit ist eng gefasst. In Longs Wortlaut soll die Seele „auf dieses Ziel gerichtet“ bleiben, „nichts Äußeres zu verfolgen“, was die Prosoche auf die Seite dessen stellt, was die Dichotomie der Kontrolle das Unsere nennt. Carters Handbüchlein von 1758 wendet sie auf die Gesellschaft an: Bei einer gemeinen Lustbarkeit solle man „die Aufmerksamkeit angespannt halten, damit man nicht unmerklich in gemeine Sitten abgleite“. Marc Aurel berichtet, Epiktet verlange dieselbe Sorgfalt im Bereich der Antriebe, damit sie, in Longs Fassung von 1862, „mit Rücksicht auf die Umstände“ geschehen; das Griechische sagt dort prosektikon, Aufmerksamkeit.
Marc Aurel wendet die Regel in Meditations, VIII, 22 auf sich selbst an: „Achte auf die Sache, die vor dir liegt, sei es eine Meinung, eine Handlung oder ein Wort.“ Der nächste Satz, „du ziehst es vor, morgen gut zu werden, statt heute gut zu sein“, antwortet auf Epiktets eigene Frage: „Wenn es gut ist, morgen Aufmerksamkeit zu üben, um wie viel besser ist es, es heute zu tun?“ Longs Register führt unter der Aufmerksamkeit auf das Gesagte auch Meditations, VI, 53 an. Dass die Prosoche die Grundhaltung der Stoa sei, ist eine moderne Lesart, dargelegt von Pierre Hadot in Exercices spirituels et philosophie antique (1981).
In den Texten
Marc Aurel · Meditations, VIII, 22
Attend to the matter which is before thee, whether it is an opinion or an act or a word.
Epiktet · Enchiridion, XXXIII
Avoid public and vulgar Entertainments: but, if ever an Occasion calls you to them, keep your Attention upon the Stretch, that you may not imperceptibly slide into vulgar Manners.
Marc Aurel · Meditations, XI, 37
Epictetus also said, a man must discover an art [or rules] with respect to giving his assent; and in respect to his movements he must be careful that they be made with regard to circumstances, that they be consistent with social interests, that they have regard to the value of the object; and as to sensual desire, he should altogether keep away from it; and as to avoidance [aversion], he should not show it with respect to any of the things which are not in our power.
Was der Begriff nicht meint
- Sie ist nicht die Achtsamkeit heutiger Programme. Ihr Gegenstand bei Epiktet sind Urteil und Antrieb, nicht Atem oder Körper, und sie wird beim Spiel und beim Gesang gehalten, nicht zu einer festen Stunde.
- Sie ist keine Konzentration auf eine Aufgabe. Longs Zimmermann und Schiffskapitän sind Vergleiche; worauf man achtet, sind die eigenen Regeln und der eigene Charakter, „wer wir sind und welchen Namen wir tragen“.
- Das Wort Prosoche steht nicht in den englischen Ausgaben. Long und Carter schreiben „attention“; das Griechische überlebt im Titel von Unterredungen IV, 12, und ihr Rang als Wurzel der stoischen Praxis ist Hadots Lesart (1981).
Verwandte Begriffe
- Vorbehaltsklausel — ὑπεξαίρεσις, μεθ’ ὑπεξαιρέσεως (hypexairesis, meth’ hypexaireseōs)
- Prohairesis — προαίρεσις (prohairesis)
- Dichotomie der Kontrolle — τὰ ἐφ’ ἡμῖν / τὰ οὐκ ἐφ’ ἡμῖν (ta eph’ hēmin, ta ouk eph’ hēmin)
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