Stoische Affirmationen
Stoische Affirmationen für Selbstbewusstsein, in den Worten der Stoiker
Die Stoiker haben keine Affirmationen für Selbstbewusstsein geschrieben, aber Seneca sagt, woher das Vertrauen in sich selbst kommt: Unsere Kräfte flößen es uns nur ein, wenn wir vielen Schwierigkeiten begegnet sind. Epiktet und Marc Aurel nennen die andere Bedingung: Wer jemandem gefallen will, verfehlt seinen Lebensplan, und die Zeit, die man mit Gedanken über andere verbringt, fehlt dem eigenen leitenden Teil.
In den Texten
Seneca · Letter 13, §1
For our powers can never inspire in us implicit faith in ourselves except when many difficulties have confronted us on this side and on that, and have occasionally even come to close quarters with us.
Epiktet · Enchiridion, XXIII
If you ever happen to turn your Attention to Externals, so as to wish to please any one, be assured, that you have ruined your Scheme of Life.
Epiktet · Enchiridion, XX
Remember, that not he who gives Ill Language, or a Blow, affronts; but the Principle, which represents these Things as affronting.
Marc Aurel · Meditations, III, 4
Do not waste the remainder of thy life in thoughts about others, when thou dost not refer thy thoughts to some object of common utility.
Senecas dreizehnter Brief an Lucilius spricht vom Vertrauen, bevor er von der Furcht spricht. Lucilius, sagt er, war schon vor den stoischen Lehrsätzen stolz auf seinen Kampf mit Fortuna, und erst recht, nachdem er mit ihr gerungen und seine Kräfte erprobt hatte. Dann folgt die Regel: Unsere Kräfte können uns nie ein festes Vertrauen in uns selbst einflößen, wenn uns nicht viele Schwierigkeiten von allen Seiten begegnet und bisweilen ganz nahe gekommen sind. Nur so wird ein Geist geprüft, der sich nicht der Herrschaft äußerer Dinge unterwerfen will. Vertrauen ist in diesem Brief ein Ergebnis, kein Ausgangspunkt. Der Brief steht, in der englischen Ausgabe von Gummere (1917), auf Letter 13.
Epiktet nennt im Handbüchlein, was es zerstört. Wer seine Aufmerksamkeit auf das Äußere richtet, um jemandem zu gefallen, hat seinen Lebensplan verfehlt; es genügt, Philosoph zu sein, und wer dafür gehalten werden will, erscheine es sich selbst (Kapitel XXIII). Kapitel XX sagt dasselbe über die Beleidigung: Nicht wer schmäht oder schlägt, beleidigt, sondern die Meinung, die diese Dinge als Beleidigung darstellt. Die Kränkung liegt demnach im Urteil dessen, der sie empfängt, nicht in der Tat des anderen (Innere Zitadelle).
Marc Aurel rechnet im dritten Buch der Selbstbetrachtungen die Kosten der umgekehrten Gewohnheit vor. Gedanken darüber, was ein anderer tut, sagt, denkt oder plant, nehmen die Gelegenheit, etwas anderes zu tun, und lassen uns davon abschweifen, auf den eigenen leitenden Teil zu achten (Hegemonikon). Das dritte Buch hat seine Seite: Book III.
Zusammen gelesen machen die Passagen Selbstbewusstsein zum Nebenprodukt zweier Dinge: tatsächlich bestandener Schwierigkeiten und eines Urteils, das nicht auf die Meinung anderer wartet (Prohairesis).
Warum das keine positive Affirmation ist
Eine Affirmation für Selbstbewusstsein verlangt vom Leser, vor jeder Prüfung zu erklären, er sei fähig, stark oder unaufhaltsam. Seneca kehrt die Reihenfolge um: Das Vertrauen in sich selbst folgt auf bestandene Schwierigkeiten und ist vor ihnen nicht zu haben. Sich zu wiederholen, man sei selbstbewusst, überspringt nach seiner Darstellung das Einzige, was Selbstvertrauen hervorbringt.
Epiktet und Marc Aurel fügen hinzu, dass schon der Wunsch, vor anderen selbstbewusst zu wirken, eine Hinwendung zum Äußeren ist. Ihre Sätze heben nicht die Meinung, die man von sich hat; sie nehmen die Meinung anderer von dem Platz, an den sie nicht gehört.
Begriffe im Glossar
- Innere Zitadelle — ἀκρόπολις (akropolis)
- Hegemonikon — ἡγεμονικόν (hēgemonikon)
- Prohairesis — προαίρεσις (prohairesis)
In Stoïque öffnet das Lebensthema „Furcht vor dem Urteil“ die Passagen zu diesem Gegenstand, jede mit ihrer Quellenangabe. Das Thema gehört zu Stoic+.