Glossar
Adiaphora
ἀδιάφορα (adiaphora)
Adiaphora sind die Dinge, die die Stoiker gleichgültig nannten: weder gut noch schlecht, weil man sie gut oder schlecht gebrauchen kann. George Long zählt sie in dem Essay, der seine Selbstbetrachtungen von 1862 eröffnet, auf: Leben, Gesundheit, Reichtum, Macht, Krankheit, Armut und Tod. Sein Begriffsverzeichnis erklärt das griechische Wort als „things indifferent, neither good nor bad“ und nennt mesa, die mittleren Dinge, als gleichbedeutend. Gleichgültig heißt nicht unwichtig: Ein solches Ding entscheidet nicht darüber, ob ein Mensch gut ist.
Marc Aurel zieht die Grenze in VI, 32: Dem kleinen Körper ist alles gleichgültig, dem Verstand aber nur das, was nicht Werk seiner eigenen Tätigkeit ist. In Meditations, XI, 16 wird die Grenze zur Bedingung des guten Lebens: Die Kraft dazu liegt in der Seele, wenn sie gleichgültig ist gegen die gleichgültigen Dinge, denn keines von ihnen erzeugt ein Urteil über sich selbst; das Urteil ist unser. Elizabeth Carters Handbüchlein von 1758 wendet es in Kapitel XXXII auf die Wahrsagung an: Ein Ereignis, das nicht in unserer Macht steht, kann keinesfalls gut oder schlecht sein, also geht man ohne Begierde und ohne Abneigung zum Wahrsager.
Die Gleichgültigkeit gilt dem Ding, nicht seinem Gebrauch. Longs Lehrgespräche von 1877 geben in II, 5 die Formel: Die Dinge selbst sind gleichgültig, ihr Gebrauch aber nicht; auf Spielsteine und Würfel kommt es nicht an, wohl aber auf den sorgfältigen Wurf. Marc Aurel sucht in III, 11 dennoch den Wert jedes gleichgültigen Dinges zu bestimmen. Spätere Darstellungen der Schule, bei Diogenes Laertios und Cicero, teilen die Adiaphora in vorgezogene, etwa die Gesundheit, und zurückgesetzte; diese Namen stehen nicht in unseren Ausgaben. Die Wahl unter ihnen ist das Feld des Kathekon, und sie für gleichgültig zu halten, liegt der Dichotomie der Kontrolle zugrunde.
In den Texten
Marc Aurel · Meditations, VI, 32
But to the understanding those things only are indifferent which are not the works of its own activity.
Marc Aurel · Meditations, XI, 16
As to living in the best way, this power is in the soul, if it be indifferent to things which are indifferent.
Epiktet · Enchiridion, XXXII
For if it is among the Things not in our own Power, it can by no means be either good or evil.
Was der Begriff nicht meint
- Nicht „Gleichgültigkeit“ im alltäglichen Sinn der Teilnahmslosigkeit. Das Wort sagt, dass ein Ding weder gut noch schlecht ist, nicht dass es einen kaltlässt; Marc Aurel wägt den Wert jedes Dinges dennoch ab (III, 11).
- Keine Liste von Dingen, auf die man verzichtet. Gesundheit und Reichtum sind ebenso wenig Übel; gut oder schlecht sein kann ihr Gebrauch, nicht ihr Besitz (Long 1877, Lehrgespräche II, 5).
- Nicht die theologischen Adiaphora. Seit der Reformation bezeichnet das Wort kirchliche Bräuche, die weder geboten noch verboten sind; der stoische Sinn betrifft den Wert der Dinge, nicht den Gottesdienst.
Verwandte Begriffe
- Kathekon — καθῆκον (kathekon)
- Dichotomie der Kontrolle — τὰ ἐφ’ ἡμῖν / τὰ οὐκ ἐφ’ ἡμῖν (ta eph’ hēmin, ta ouk eph’ hēmin)
- Prohairesis — προαίρεσις (prohairesis)
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