Glossar
Ataraxie
ἀταραξία (ataraxia)
Ataraxie, wörtlich das Fehlen von tarachē, von Beunruhigung, bezeichnet den ungestörten Zustand, den auch Epikureer und Skeptiker als ihr Ziel beanspruchten. Die Stoiker gebrauchten das Wort für die Ruhe, die eintritt, wenn nichts Äußeres als Übel beurteilt wird. Elizabeth Carter gibt es im Handbüchlein XII mit „Tranquillity“ wieder, wo es neben „Apathy“ steht: Die kleinen Verluste eines Haushalts sind der Preis für beides. In den stoischen Texten wird sie nicht um ihrer selbst willen gesucht. Sie ist, was bleibt, wenn die Leidenschaften gewichen sind, und das eigene Wort der Schule für das Ziel ist Tugend, nicht Ruhe.
Marc Aurel beschreibt sie als Ort, nicht als Gefühl. In George Longs Fassung von 1862 von Meditations, IV, 3 zieht sich ein Mensch nirgends ruhiger und ungestörter zurück als in die eigene Seele, und Seelenruhe ist nichts anderes als die gute Ordnung des Geistes. Die Passage zählt dann auf, was beunruhigt, die Schlechtigkeit der Menschen, das eigene Los, den Körper, den Ruhm, und antwortet auf jedes der Reihe nach, jedes Mal mit derselben Weisung, endlich ruhig zu sein.
Seneca sagt in Aubrey Stewarts Übersetzung von 1889 der Schrift Vom glücklichen Leben, Kapitel IV, ein Mensch mit stoischen Grundsätzen müsse von beständiger Heiterkeit begleitet sein, weil er sich an dem freut, was er hat. Die Seelenruhe erscheint bei allen drei Autoren als Folge: der richtigen Ordnung des Urteils bei Marc Aurel, der Weigerung, zu schätzen, was verloren gehen kann, bei Epiktet, des gesicherten Besitzes der eigenen Güter bei Seneca. Sie ist die Gefährtin der Apatheia, nicht ihr Synonym.
In den Texten
Epiktet · Enchiridion, XII
Say to yourself, "This is the Purchase paid for Apathy, for Tranquillity, and nothing is to be had for nothing."
Marc Aurel · Meditations, IV, 3
For nowhere either with more quiet or more freedom from trouble does a man retire than into his own soul, particularly when he has within him such thoughts that by looking into them he is immediately in perfect tranquillity; and I affirm that tranquillity is nothing else than the good ordering of the mind.
Seneca · On a Happy Life, IV
A man of these principles, whether he will or no, must be accompanied by a continual cheerfulness, a high happiness, which comes indeed from on high because he delights in what he has, and desires no greater pleasures than those which his home affords.
Was der Begriff nicht meint
- Kein Ziel an sich. Das stoische Ziel ist die Tugend; die Ruhe folgt daraus. Epikur machte die Ataraxie zum Ziel, und die beiden Schulen werden in diesem Punkt oft vermengt.
- Nicht Entspannung oder Untätigkeit. Marc Aurel schreibt IV, 3 als amtierender Kaiser, und der Rückzug, den er beschreibt, ist innerlich und kurz, genommen zwischen zwei Beschäftigungen.
- Nicht dasselbe wie Apatheia. Apatheia bezeichnet das Fehlen der Leidenschaften, Ataraxie das Fehlen der Beunruhigung; Carter stellt beide Wörter im Handbüchlein XII nebeneinander.
Verwandte Begriffe
- Apatheia — ἀπάθεια (apatheia)
- Dichotomie der Kontrolle — τὰ ἐφ’ ἡμῖν / τὰ οὐκ ἐφ’ ἡμῖν (ta eph’ hēmin, ta ouk eph’ hēmin)
- Amor fati — amor fati (latin)
Jede Passage in Stoïque trägt ihre Quellenangabe – das Werk und die Stelle, wo der Platz reicht auch den Autor – in der App und in ihren Widgets, auf dem Home-Bildschirm und dem Sperrbildschirm.