Glossar
Memento mori
memento mori (latin)
Memento mori, „bedenke, dass du sterben wirst“, ist eine lateinische Formel ungewisser Herkunft, die später mit christlicher Frömmigkeit und den gemalten Totenschädeln des 17. Jahrhunderts verbunden wurde. Die stoischen Texte enthalten die beiden Worte nicht, wohl aber die Übung, und Seneca kommt der Wendung am nächsten. In Letter 26 zitiert er Epikurs Rat, an den Tod zu denken, und fügt in Richard Gummeres Übersetzung von §10 hinzu, wer sterben gelernt habe, habe das Sklavesein verlernt.
Epiktet macht daraus eine tägliche Übung. Das Handbüchlein XXI verlangt in Elizabeth Carters Fassung von 1758, dass Tod und Verbannung täglich vor Augen stehen, vor allem aber der Tod, mit einer ausdrücklich genannten Wirkung: Der Leser wird dann nie einen niedrigen Gedanken hegen und nichts allzu begierig verlangen. Die Erinnerung korrigiert das Maß der eigenen Wünsche, sie ist keine Betrachtung des Verfalls.
Marc Aurel fasst es in Meditations, IV, 17 (Long, 1862) in drei Sätze: Handle nicht, als hättest du zehntausend Jahre; der Tod hängt über dir; solange du lebst und solange es in deiner Macht steht, sei gut. An anderer Stelle nutzt er es, um den Zorn (Meditations, XI, 18) und das Verlangen nach Ruhm (Meditations, IV, 3) abzuschneiden, stets mit derselben Wendung: Weil die Zeit kurz ist, zählt die gegenwärtige Handlung.
Bei allen drei Autoren ist der Gedanke mit dem Handeln verbunden. Er ist nie ein Grund zum Rückzug und wird nie als morbide dargestellt; Seneca besteht darauf, dass, wer den Tod eingeübt hat, eben dadurch frei ist. Er ist für das Ende des Lebens das Gegenstück zum Vorausbedenken der Übel, zur premeditatio malorum, die dieselben Autoren für seinen Verlauf empfehlen.
In den Texten
Epiktet · Enchiridion, XXI
Let Death and Exile, and all other Things which appear terrible, be daily before your Eyes; but chiefly Death: and you will never entertain any abject Thought, nor too eagerly covet any thing.
Marc Aurel · Meditations, IV, 17
Do not act as if thou wert going to live ten thousand years. Death hangs over thee. While thou livest, while it is in thy power, be good.
Seneca · Letter 26, §10
He who has learned to die has unlearned slavery; he is above any external power, or, at any rate, he is beyond it.
Was der Begriff nicht meint
- Keine stoische Wendung. Die lateinischen Worte stehen nicht bei Seneca, Epiktet oder Marc Aurel; die Übung schon, in anderen Formulierungen.
- Keine Morbidität. Epiktet nennt als Wirkung das Ende niedriger Gedanken und übermäßigen Verlangens, Seneca die Freiheit.
- Kein Grund zur Eile oder zum Rückzug. Marc Aurel leitet daraus die Weisung ab, jetzt gut zu sein, in der Handlung, die ansteht.
Verwandte Begriffe
- Premeditatio malorum — praemeditatio malorum (latin)
- Amor fati — amor fati (latin)
- Ataraxie — ἀταραξία (ataraxia)
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